Images in Time & Space. The Lives of Images in Contemporary Theatre.

Seit der Jahrtausendwende besteht ein deutliches Interesse daran, das Theater als ein visuelles Ereignis zu begreifen. In enger Anbindung der Theaterwissenschaft an die Visual Culture Studies wurde argumentiert, dass Theater ein bildproduzierendes Medium sei (Jackob & Röttger 2009), das in historische skopische Regime eingebettet ist (Bleeker 2008). Als solches bietet es eine Bühne für das Bild und setzt sich kritisch mit kulturell spezifischen Praktiken des Sehens auseinander.

Das vorliegende Forschungsprojekt verfolgt diese Idee weiter, indem es das Theater als einen Raum betrachtet, in dem Bilder innerhalb der Zeit und des Raumes des theatralen Ereignisses zum Leben erweckt werden. In Anlehnung an W. J. T. Mitchells Konzept des Metabildes (1994) analysiert das Projekt, wie zeitgenössische Regisseur*innen wie Romeo Castellucci, Rabih Mroué und andere theatrale „denkenden Bilder“ schaffen, die eine Reflexion ihrer medialen Grundlagen in sich tragen und sichtbar machen, wie Repräsentation funktioniert. Darüber hinaus experimentieren sie mit einer animistischen Haltung gegenüber dem Bild, indem sie das Bild als „lebendigen Organismus“ (Mitchell 2005) inszenieren und (re-)animieren.

Durch die Verbindung einer kritischen Erforschung medialer Prozesse mit dem magischen Animismus des Betrachtens lebendiger Bilder ebnen zeitgenössische Theatermacher*innen den Weg für das, was Hans-Thies Lehmann als eine Politik der Wahrnehmung (1999) bezeichnet hat — eine Politik, in der das Bild als heterogener Akteur wiederentdeckt wird, der auf selbstkritische und zugleich magische Weise zum Zuschauer spricht.

M.#10 Marseille, 2004
Romeo Castellucci, M.#10 Marseille, 2004